Reflektion China
- Kathmandu
- 10. Okt. 2011
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Okt. 2020
Wenn ich heute an China zurück denke, dann spüre ich etwas, was sich schwierig beschreiben lässt. Aber irgendwas ist da, in meinem Bauch. Das kommt von all dem erlebten, dass jeden Tag um mich herum passierte, ohne dass ich bereit wahr und wegen meiner Herkunft aus einem Westlichen Land keine Chance hatte zu verstehen. Doch mit der Zeit könnte passiert sein, dass aus genau diesem Erlebten, aus diesen Eindrücken, Fakten, Geschichten sich eine Emotion ergibt. Dieses eben nicht beschreibbare, das Tief in mir ist und mich bei jedem äusserlichen Erscheinen und schon nur dem Worte zum Ausbruch kommt. Wenn ich heute auf Chinesen treffe, erzähle ich stolz die Geschichten und taste mich vor, wie weit ich gehen kann. Und das obwohl ich das Land mehr wie einmal auf seine Grundfesten verflucht habe. Hassliebe ist das Wort, dass es wohl am ehesten trifft, wenn man es denn unbedingt beschreiben muss. Diese vielen Gesichter, diese Kinder aus Yangshuo, die mir Geschichten erzählen.
1972 wird der damals elfjährige Li Cunxin aus der chinesischen Provinz von Talentsuchern entdeckt und an der Pekinger Ballettakademie aufgenommen. Aufgrund seines herausragenden Talents erhält er die Chance, als einer der ersten Tänzer aus China an einem Kulturaustausch mit den Vereinigten Staaten teilzunehmen. Gleichzeitig wächst seine Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach seiner alten Heimat und den Verlockungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein junger Mann muss um das Leben seiner Eltern fürchten, weil er sich dazu entschliesst, nicht mehr nach Hause zu gehen – und beides zurecht tut. Es sind all diese unbegreiflichen Geschichten wie diese über Maos letzten Tänzer, die einen bewegen, aufrütteln. Man hat hier keine Chance es zu wissen.
Man fühlt mit, wenn man davon hört, wie das Land im Zweiten Weltkrieg leiden musste. Nicht die Regierung – die Menschen. Geroge Hogg, Oxford Absolvent, wird Zeuge einer Massenexekution der Japaner. Verstört macht er Bekanntschaft mit Kriegswaisen und zieht als Fotojournalist völlig ungeeignet aber mit grossem Herzen und einer persönlichen Bindung ein Kinderheim auf, weit weg von jeder Stadt. Als die Japaner in Begriff sind, die Gegend an sich zu reisen, bleibt als letzter Ausweg, ein 1000 Kilometer langer Fussmarsch der Kinder über das Gebirge in die Sicherheit. Zum ersten Mal höre ich die Floskel, dass du als Westler in China nie das tust, was du eigentlich könntest, sondern dass was du sollst. Und so lerne ich unter anderem Leid verstehen.
Nach dieser Zeit war das Land nicht mehr das selbe, denn dann kam Mao mit seiner Kulturrevolution, der nun kompensiert, einfach nur kompensiert und mich endgültig zum Pazifisten macht. Warum nur ist es möglich, dass immer wieder solche Menschen nach oben kommen? Keiner würde doch von sich behaupten, er sei Böse. Niemand würde das tun. Warum nur können Menschen dann ganze Zivilisationen auslöschen wollen?
Das folgen einer Ideologie wird den Chinesen von Kind auf eingeprägt. In den Büchern steht so einiges was nie passiert ist und auch nie geschehen wird. Religion ist ein Weg sie zu knechten, aber dahinter steht auch nur eine Ideologie. Eine, wie China sie verfolgt. Das wird sie nach Oben bringen. Aber die Öffnung nach Westen bringt die Gefahr dass die Aufklärung auch die Jungen Menschen im Land erreicht. Das ist die Hoffnung einer ganzen Welt.
Der einzige erstrebenswerte Lebensweg kann nicht der Han Chinesische sein, sollte nicht, darf nicht … Dass das ganze Land ein Plan, eine Strategie ist, gelenkt von oben und im Grunde genommen heute keinen Scheiss besser ist wie damals. Damals, als Mao nach Tibet kam und dem noch nicht mal 18-jährigen Dalai Lama ins Gesicht sagte, das Religion Gift sei. Meine Augen werfen einen verschwommenen Blick, denn in diesem Falle muss ich Mao recht geben.
Warum konnte Tibet so einfach annektiert werden? Was ich erfahre erschreckt mich noch mal viel mehr. Der einstig so kriegerische Staat, der zusammen mit den Mongolen beinahe das Chinesische Reich ausgelöscht hatte, fand den Weg in die Phylosophie, wurden über die Jahrhunderte zum friedlebenden, isolierten Mönchsstaat. Genau diese abgeschiedenheit wurde ihnen zum Verhängnis. Sie versäumten es nach dem 1. Weltkrieg ihre Grenzen offiziell zu ziehen und zu registrieren. Daraus folgt neben der «legitiemierung» und dem desinteresse der anderen Staaten noch etwas viel schlimmeres. Mit China und Indien stehen sich im Westen Tibets nun zwei Atommächte gegenüber, die sich nicht nur um die schwammig gezogenen Grenzen streiten. Manche Teile in von Pradesch sind bis heute nicht klar, wohin sie gehören. Was viele vergessen ist, das in Tibet die Quellen der Flüsse entspringen, welche ganz Indien und Teile Südostasiens mit Wasser versorgen. Durch geschickte Staudammprojekte, dienen diese Flüsse nun nicht nur als Energiegewinnung. Mit einem Knopfdruck kann China die gesammte Trinkwasserversorgung Asiens abdrehen. Zack, ist der Ganges leer. Komfliktpotential eines erschreckenden Masses – und von der Welt totgeschwiegen wird.
Das ist nur ein Beispiel der perversen Expansionsgedanken Chinas. Manchmal pflegte ich zu sagen, dass die ihre kurzen Pimmel kompensieren müssen, aber was hier stattfindet ist die Rache des Roten Drachen, der über tausende von Jahren immer wieder sein Gesicht verlor und nur Vergeltung sucht.
Es ist faszinierend, wie man seine Zeit braucht manche Dinge zu verarbeiten. Wie lange es braucht zu begreifen. Da stand ich auf Tibetischem Boden und war wie Paralysiert. Es fühlt sich an, als wache ich erst jetzt, Wochen später, auf.
Scheiss auf Politik. Das es überhaupt andere Staatsformen wie direkte Demokratie gibt ist skandalös und sollte doch jeden normal denkenden Menschen wachrütteln.
Am liebsten würde ich Amok laufen und auslöschen, was unsere Welt vergiftet. Diese Parasiten, der jeden Tag ein neues Kohlekraftwerk bauen, die Erde Melkt und behauptet, es sei «Improvement». Die Menschen Kotzen auf den Boden, weil sie kaum noch Atmen können. Sie weinen, wie damals im Krieg. Doch diesmal werden sie vom eigenen Volk enteignet. «Improvement ist, dass wir Menschen auf dieser Welt nichts zu sagen haben, obwohl sie uns gehört, weil andere, die Geld haben und noch mehr wollen. Die an eine oder maximal zwei Generationen denken. Den Bewohnern wird weis Gemacht, dass man für Glück Geld braucht. Wie stehts auf der Zigarettenpackung? «Double Happiness?» Was soll das?
Mir ist klar, dass China und Indien erst auf dem Sprung sind und die sich entwickelnde Mittelschicht die gefahr ist. Diese Mittelschicht in denen viele von euch, liebe Leser, angehören. Gönnen wir diesen Wohlstand den Chinesen nicht? Hier ist die Kontroverse. Für mich ist es die Art und Weise wie es geschieht. Bei uns konnte es sich über Jahrzente entwickeln. Den Chinesen wird es eingeredet. Arme sollen nicht Arm bleiben. Sie sollen glücklich sein und Glück kommt aus dem Herzen und in China gibt es kein Herz – Nur Konsum. Das Glück des Konsum. Das sollten auch wir mal Reflektieren, warum wir glücklich sind und was wir vom Glück erwarten und ob es dafür wirklich Geld braucht. Eben, so ist es und das kann und wird nirgendwo hinführen! Mit solchen Menschen unter uns werden wir es nicht schaffen, zum Beispiel die Erderwärmung zu Stoppen, Frieden auf der Erde zu haben oder einfach nur Fair zu einander zu sein. Oh, Gott was ein kitschiger Text, ich fühle mich wie ein Prophet, aber das bin ich nicht und will ich nicht sein. Vor allem weil vielei, überlebenswichtige, einfach Dinge doch eigentlich klar sind. Aber es scheint, als muss man mit manchen Mitbewohnern ganz von Vorne anfangen. Ja unsere Kinder werden es schwierig haben, weil wir nichts getan haben oder weil die, die die Macht gehabt hätten, es zu tun, daran kein Interesse hatten. Mein Glaube an das Gute im Menschen liegt auf dem Sterbebett.
Und genau wenn man erneut an Allem zu verzweifeln beginnt, kommen da so Menschen daher, wie diese Kinder in Yangshuo, die dem Albert und Raquel blind vertraut haben und mit ihnen zogen. Ihre offenen Augen und Ohren, der Wissensdurst, unsättlich. Die akzeptanz an der Kritik an ihrer Heimat und die Kraft, die durch ihr Lächeln zum Vorschein kommen konnte, weil die Berührungsängste weg wahren. Heute rührt mich das zu Tränen, wenn ich daran denke, wie fest unsere Herzen schlugen und gerne würde ich ihnen erzählen, was sie in mir ausgelöst haben. Diese Menschen haben eine Chance. Aber solche Wünsche dürfen sie und kann ich nur dem Wind anvertrauen, der so oft Ostwärts blässt.





















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