top of page

4700 Meter über Meer

  • Xiangcheng – Litang
  • 9. Sept. 2011
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Okt. 2020


Es kam, wie es kommen musste. Natürlich durften wir auch heute nicht mitfahren. Ich verstehe schon, dass sie die Fahrkarten für die Lokale Bevölkerung bereit halten, weil dies ihre einzige Möglichkeit ist von A nach B zu kommen. Trotzdem ist es mit der Zeit nervend und man gewöhnt sich nicht einfach so daran, anders behandelt zu werden. Abnormal zu sein. So bestand heutiges Weiterkommen aus Autostop und schlussendlich Geld, mit welchem wir einige Locals dazu bewegen konnten, sich bzw uns zu bewegen. Es ist zwar anstrengend, die ganze Zeit zu schauen, wie man weiter kommt, aber das ist das Abenteuer, das wir wollten.

Die Fahrt stellte sich dann als das Beste heraus, was ich in den letzten Wochen erleben durfte. Unsere Tibetisch abstammenden Fahrer, der mit seinem Kakifarbenen Anzug im 70er Jahre Stil von uns Liebevoll Mr. Bean genannt wurde, war alleine schon herrlich unterhaltend. Wir bieten ihm immer wieder Zigaretten an, um die Stimmung zu lockern und ihm klar zu machen, dass wir ihn cool finden. Was neben dem Angebot von Suchtmitteln auch immer das Eis bricht sind Berührungen. Eine Hand auch die Schulter oder ein High Five, so normal das für uns klingt, so abnormal ist das hier. In China berührt man sich nicht oft.

Es ging Überland. Nur selten passierten wir ein Dorf und wann, dann spürte man hier richtig, wie abgelegen und ursprünglich die Gegend ist. Während entlang der Strassen viele Familien ihre Restaurants haben, um die Reisenden zu verpflegen, umso mehr Bauern und Hirten gibt es abseits davon. Höher und immer Höher stieg das Fahrzeug, bis wir den Pass erreichten. Da waren wir nun also … auf unwirklichen 4700 Metern über Meer, fernab vom expansiven Treiben im Rest des Landes. Unsere Herzen pochten, aber sonst keine Anzeichen der Höhenkrankheit. Es war fantastisch. Die Sonne noch nicht komplett aufgegangen, die Wolken um uns herum und Gebetsfahnen wehten im leichten Wind. Es war bitter kalt.

Den ganzen Tag konnten wir den Blick nicht vom Fenster nehmen und Fotografierten, was das Zeug hält. Kloster hier, Mönche da. Ueberall kleine Dörfer mit wunderbarer Tibetischer Architektur. Als wäre ich noch gar nicht aufgewacht, fuhren wir durch diesen Traum. Den anderen geht es genauso gut wie mir. Wir wissen um die Stärke des Teams. Alleine wären wir wohl nie hier her gekommen.

Gegen Mittag erreichten wir Litang und zu unserer Überraschung gab es hier für einmal keine Probleme mit der nächsten Fahrkarte. Auch den Hunger konnten wir stillen. Die Restaurants hier haben im Unterschied zur Stadt keine Bilder ihrerer Menüs, was das ganze zwar Authentischer macht, aber halt auch ein Glückspiel, was man wohl geraden bestellt hat. Gestern waren wir der Meinung Spicy Beef bestellt zu haben, kriegten aber ein Yak-Carpaccio. Auch nicht schlecht, wie wir fanden, als der Lukas aus der Küche kam, in der er zu fragen versuchte, was wir denn hier essen. Auch nicht schlecht! Hätten wir sonst wohl nie probiert.

Hier in Litang auf 4000 Meter über Meer, herrscht der wilde Westen. Lederjacke und Cowboy Hut auf dem Kopf und die Sonnenbrille tief im braungebrannten Gesicht. Motorräder wirbeln den Staub der Strasse auf kurven um Hühner und Yaks, die sich die Strasse teilen, erinnern schon Beinahe an einen Chinesischen Mad Max. Über der Stadt ragt das berühmte und grosse Kloster der Stadt, dem wir später noch einen Besuch abstatten werden.

Ich verspüre hier tiefste Zufriedenheit. Es ist nicht zu beschreiben. Mein Ziel kommt mit grossen Schritten näher – oder ist es schon da?

Später Abends verabschiedete ich mich früh zu Bett. Die Höhe machte mich fertig und ich wollte nur noch schlafen. Lukas, Michel und Andrea begaben sich mit genügend Bier in der Tasche auf den Tempelberg, wo sie sich niederlassen, um den Sonnenuntergang zu sehen. Wenn man über die ganze Stadt sehen kann, ist man auch den neugierigen Blicken der Kinder ausgesetzt, die in ihrer kindlichen Neugier die Gäste besuchen kamen. Und wenn man nicht sprechen kann, dann wird mit den Händen kommuniziert. Es war ein hoher Lama, der mal gesagt hat, dass es doch schön sei, willkommen zu sein.

Kommentare


Anchor 1
DER AUTOR - LUKAS MARCHESI

Individueller Massentourist, Tourismusfachmann und Ex-Polygraf mit der Liebe zum Entdecken und Festhalten in Wort und Bild. Süchtig nach Reiseideen. Kennt den ÖV der Welt auswendig. 
Tatsächliche Reiseerfahrung von 1400 Reisetagen Weltweit. 

​© 2020 - Operation Rückenwind by Lukas Marchesi

bottom of page